In der Weltgeschichte hat sich kein Volk jemals so seinem Kolonisator ausgeliefert, wie es die Nordkurden heute tun. Erst recht nicht, nachdem es jahrelang gekämpft und Widerstand geleistet, dafür Tausende seiner Menschen verloren und es geschafft hatte, eine Organisation zu gründen, die mit dem Ziel angetreten war, das eigene Volk zur Gründung eines Landes zu führen.
Ja, heute streben die Kurden durch die PKK, die sie aus eigener Kraft hervorgebracht haben, und durch deren Anführer Abdullah Öcalan eine freiwillige Integration in den türkischen Staat an, der sie seit Jahrhunderten massakriert. Selbstverständlich akzeptieren dies nicht alle Kurden im Norden. Doch die meisten Menschen, die innerhalb der apoistischen Gedankenwelt geblieben sind, in diesem Umfeld aufgewachsen sind und durch deren Diskurse ein kurdisches Bewusstsein entwickelt haben, glauben heute an dieses Märchen und an diese Lüge.
Nachdem Abdullah Öcalan siebenundzwanzig Jahre lang vom türkischen Staat gefangen gehalten worden war, wurde der faschistische und besatzende türkische Staat aktiv, als er erkannte, dass durch die Schwächung der starken kurdischen Autorität in Syrien und den Zusammenbruch des Assad-Regimes für ihn gefährliche Verhältnisse vor Ort entstanden.
Zunächst schüchterte er die Kurden von Rojava mithilfe der von ihm gelenkten und befehligten IS-Kämpfer ein und verurteilte sie zur Lüge einer „Integration in Syrien“. Gleichzeitig versuchte er, die Nordkurden durch Devlet Bahçeli, die blutige und mörderische Hand des türkischen Staates, unter dem Dach seines eigenen Parlaments zum Schweigen zu bewegen.
Dabei setzte er zwei zentrale Instrumente ein: Das eine war Abdullah Öcalan, den er seit Jahren gefangen hält. Das andere waren die Politiker der DEM-Partei, die behauptet, eine kurdische politische Partei zu sein, die jedoch vom Staat neu gestaltet wurde, nachdem sämtliche einflussreichen Politiker dieser Bewegung inhaftiert worden waren.
Diese beiden Elemente wurden jahrelang als Bestandteile eines vom MİT, dem türkischen Nationalen Nachrichtendienst, entworfenen Plans bereitgehalten. In dem Augenblick, in dem Erdoğan und die mörderische Tradition des türkischen Staates sie am dringendsten benötigten, wurden sie in den Vordergrund geschoben und eine Geschichte geschaffen, nach der sich die Kurden freiwillig assimilieren sollten.
Dabei haben die Kurden im Laufe der Geschichte weder in Rojhilat noch in Başûr, weder in Rojava noch in Bakur jemals den Weg der freiwilligen Assimilation und Integration gewählt. Sie haben sich immer wieder erhoben und für ihre Freiheit, ihre Sprache und ihre Kultur schwere Opfer gebracht.
Nun aber wurden sie auf Anweisung eines gefangenen Anführers zunächst dazu gebracht, ihre Waffen niederzulegen, anschließend ihre Organisation aufzulösen und sich schließlich unter dem Dach des Parlaments Erdoğan zu unterwerfen.
Das ist eine Schande.
Es ist eine große Schande, dass die Kurden die Aussagen des türkischen Staates so akzeptieren, als wären sie die persönlichen Gedanken eines gefangenen Gründungsführers; dass sie das Kurdentum dem Türkentum opfern und ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Lebensweise und ihr Recht auf Freiheit in die Hände ihrer Mörder übergeben.
Unmittelbar drängen sich folgende Fragen auf:
Wurdet ihr dafür gefoltert?
Habt ihr dafür die Verbannung ertragen?
Wurden eure Kinder dafür vor euren Augen erhängt?
Wurdet ihr dafür gezwungen, Exkremente zu essen?
Ihr durftet mit euren Kindern nicht in eurer eigenen Sprache sprechen. Eure Dörfer wurden niedergebrannt und bombardiert. Ihr wurdet vergewaltigt. Die Beine eurer Kinder wurden zerfetzt. Eure Kinder wurden von gepanzerten Fahrzeugen getötet, während sie auf der Straße spielten.
Wenn ihr eure Sprache ohnehin verleugnen und eure Kultur so leicht ausliefern wolltet, warum musste dann all dieses Leid geschehen?
Dann hättet ihr 1923 einfach sagen können: „Wir sind alle Türken!“
Warum habt ihr Tausende eurer jungen Menschen für die kurdische Sprache und für Kurdistan geopfert?
Warum habt ihr eure Existenz nicht von Anfang an der türkischen Existenz gewidmet?
Warum habt ihr es nicht akzeptiert, und warum habt ihr euch erhoben, als euren Kindern Tag für Tag das Türkentum aufgezwungen wurde?
Wenn ihr es am Ende doch akzeptieren, eure Existenz und Kurdistan in einer einzigen Sitzung dem türkischen Staat ausliefern wolltet, warum dann all diese Einwände, all diese Erklärungen und all dieser Widerstand?
Heute sind Kurdistan und das Kurdentum zu einem Spielzeug in den Händen zweier der blutigsten Führer des türkischen Staates geworden.
Ihr betrachtet einen Öcalan als „politischen Willen“, der seit Jahren gefangen gehalten und eingesperrt wird und dessen Bilder beim Wäschewaschen im Gefängnis allein zu seiner Erniedrigung aus jenem abgelegenen Inselgefängnis veröffentlicht wurden. Habt ihr Kurdistan geopfert, während ihr von der verkommenen, undemokratischen, feudalen und diktatorischen Führung der PKK Ehre erwartet habt?
Nehmen wir an, all dies wurde von Politikern, Feiglingen und unfähigen Menschen akzeptiert und sie haben sich dem türkischen Staat zur Verfügung gestellt.
Aber was ist mit euch, dem kurdischen Volk?
Kurdische Mütter!
Kurdische Jugend!
Werdet ihr Kurdistan, das Kurdentum, die kurdische Sprache und die kurdische Kultur in den Händen dieser Verräter lassen, die euch eurem Feind ausliefern?
